Kindergeburtstag aus der Hölle, Teil 2


Im Laufe ihrer elterlichen Karriere werden Sie lernen, die verschiedenen Gangarten ihres Kindes ebenso verschiedenen Zuständen zuzuordnen. Es gibt zum Beispiel eine Gangart für "Ja, DU findest die Hose schön, aber ICH HALT NICHT", eine für "Alle drei Wochen neue Klamotten kaufen ist teuer und ärgerlich, aber diese Hose hier ist inzwischen wirklich echt zu klein" und es gibt sogar eine für "Die Klassenkameraden haben herausgefunden, dass ein Tritt in die Weichteile für den Getretenen zwar schmerzhaft, aber für alle anderen auch lustig sein kann". Während Sie die Kinder im Grunde fremder Menschen, auf dem Rückweg vom Freiluft-Kindergeburtstag auf dem Dorffestplatz, zurück zu ihrem Wohnsitz treiben und sich dabei einmal im Leben so fühlen können wie Bauer Heinrich, entdecken Sie dann eine neue Gangart. Sie hat etwas von John Wayne zur Mittagszeit auf dem Weg zum Duell auf der Hauptstraße, nur ohne die machohafte Alphamännchenhaftigkeit.

Doch bevor Sie herausfinden sollen, was sie bedeutet, haben Sie erstmal genug mit dem Phänomen zu tun, dass Kinder wohl selbst in einer vollständig asphaltierten Umgebung immer irgendwo einen Stock finden, mit dem sie anderen auf den Kopf hauen können.

Zur Erinnerung: Sie haben eine Location außerhalb der eigenen vier Wände für den Kindergeburtstag ausgesucht, damit eben diese vier Wände auch nach der Veranstaltung noch vollständig vorhanden sind. Jetzt sind Sie wieder zu Hause, die ersten stürmen das Klo, und Sie sehen in leuchtende Augen, die "Das Haus steht noch und wir werden erst in 30 Minuten abgeholt? CHALLENGE ACCEPTED!" schreien und vor ihrem geistigen Auge fügen sich die Bälger zu einem gewaltigen Megazord der Zerstörung zusammen, der sich auch umgehend an die Arbeit macht.

Mit verklärtem Blick darauf hoffend, dass die Zombieapokalypse doch eintreten möge, bevor Sie das alles wieder in einen bewohnbaren Zustand bringen müssen, pferchen Sie die Meute in dem Zimmer zusammen, auf das Sie am ehesten verzichten können, um den zu erwartenden Schaden so gut wie möglich einzudämmen und lassen den Dingen ihren Lauf.

Mit der gleichen Ambition könnten Sie auch versuchen, den Atlantik in Ihre Badewanne zu bringen. Mit Hilfe eines Nudelsiebs und eines Tretrollers.
Nachdem Sie in den folgenden 30 Minuten mehr Apfelsaftschorle ausgeschenkt haben, als Bier an einem durchschnittlichen Tag über alle Theken des Oktoberfestes geht und sich gefühlte 23 Mal darüber geärgert haben, dass Sie den Tequila letztens leer gemacht haben, als Sie beiden Kindern am gleichen Abend Übernachtungsgäste erlaubt hatten, erzeugt die Türklingel schließlich einen ähnlich erlösenden Hoffnungsschimmer wie die Ringglocke für den Boxer, der grade die Tracht Prügel seines Lebens bezieht und die geschwollenen Augen nun wenigstens kurz in seiner Ecke ausruhen kann. Sie zählen geistesabwesend immer wieder die restlichen Kinder durch, bis Ihnen irgendwann auffällt, dass eines fehlt, es von Ihren elterlichen Ninjasinnen jedoch relativ schnell hinter der immer noch verschlossenen Toilettentür verortet wird. Nach quälend langen Minuten des Klopfens und Bittens, doch die Tür zu öffnen, werden Sie sich schon kurz darauf wünschen, nie darum gebeten zu haben.

Es gibt diese Szene in Shining, in der sich eine Fahrstuhltür öffnet und sich der davorliegende Flur in Zeitlupe mit dramatisch herausschießendem Blut füllt. Hektoliterweise. Stellen Sie sich bitte kurz diese Szene vor, nur mit Gestank. Zusätzlich sieht es hinter der sich öffnenden Tür aus, als hätte man Quentin Tarantino zu Beginn von From Dusk Til Dawn mit der entführten Frau in diesem Raum allein gelassen und Ihnen wird schlagartig klar, was diese komische, neu erlernte Gangart bedeutet. Sie bedeutet: "Ich habe mir auf einem fremden Geburtstag hintenrum in die Hose gemacht, obwohl ich dafür schon ein bisschen zu alt bin, und jetzt versuche ich, mir nichts anmerken zu lassen." Die notdürftigen Versuche, den Schaden selbst zu beheben, liegen nun in einem zwei Quadratmeter großen Gäste-WC vor Ihnen und sie überlegen, ob eine Kernsanierung nötig oder ob es eventuell theoretisch möglich ist, nur einen Raum eines Gebäudes abzufackeln, während Sie geistesgegenwärtig die anderen Kinder wegschicken, um längerfristige Schäden auf der zarten Gästeseele zu vermeiden.

Nach einigen Jahren Elternschaft funktioniert Krisenmanagement glücklicherweise halbautomatisch und erstaunlich routiniert. Zwischen Ihnen und Ihrem Partner findet eine wort- und gestenlose Runde Schnick-Schnack-Schnuck statt, in der Sie sich für Stein und Ihre Partnerin sich für "Wenn du jetzt gehst, werde ich deine Augen mit einem glühenden Schürhaken aus deinem Kopf entfernen und aufessen" entscheidet. Spoiler-Alarm: Stein gewinnt, wenn Sie schnell sind, wodurch Ihnen die Rolle zufällt, die Eltern des kleinen Schleusenöffners darüber zu informieren, dass es Ihrem Kind nicht so gut ginge und Sie eventuell schon mal Ihre Haftpflicht informieren sollen, während sich Ihre Partnerin an die Beseitigung des Desasters macht.

Diesen Sieg werden Sie später am Abend teuer bezahlen, aber ich rate Ihnen: Tun Sie es trotzdem. Vermeiden Sie nur unbedingt, Daumen und Zeigefinger zum L geformt vor Ihre Stirn zu halten, während Sie sich über Ihren Erfolg freuen.
Es wäre natürlich zu einfach, wenn besagte Eltern sich einfach ins Auto setzen und fünf Minuten später da sein könnten. Nein, es sind selbstverständlich dieselben Eltern, die eh schon angekündigt hatten, "etwas später" zu kommen, weil man die Gelegenheit für einen kleinen Ausflug nutzen wolle, wobei "etwas" eine Zeitspanne ist, die sich irgendwo zwischen den von Ihnen erwarteten 10 - 15 Minuten und der Stunde liegt, von der Sie grade am Telefon erfahren und "später", nun, später halt. Also versorgen Sie das Kind mit hilfreichen Tipps zur Säuberung und frischen Klamotten und platzieren es frisch gewaschen auf einem Sessel im Wohnzimmer, wo es, sichtlich erschöpft und kränkelnd, irgendwann einschläft, während die restlichen Nachwuchs-Abrissunternehmer nach und nach abgeholt werden

Nach besagter Stunde, in der Sie den Raum nicht mehr betreten haben, um den kleinen Besucher nicht zu wecken, tauchen die Eltern dann auf und Sie machen sich, mit der fröhlich-erleichterten Attitüde, dass sich der Tag endlich dem Ende neigt, Sie sich Ihre Strafe für die Schnick-Schnack-Schnuck-Geschichte abholen und es sich dann auf dem Sofa bequem machen können, auf, um es zu wecken, als Sie seine beachtliche Multitaskingfähigkeit bemerken. Er ist nämlich offensichtlich in der Lage dazu, zu schlafen und sich gleichzeitig von oben bis unten einzustuhlen, oder, in diesem Fall, vielleicht einzusesseln.

Im Umgang mit den Eltern anderer Kinder lernt man relativ schnell, mit einer geschickten Lüge, seine tatsächliche Meinung zu verschleiern. "Was für ein süßes Kind", "Nein, nein, meine konnten mit 3 auch noch keine Zwei-Wort-Sätze, das ist völlig normal" oder "Ach, das verwächst sich."

Tut es nicht. Ernsthaft.
Also benutzt man diese elterliche Superkraft, um den Leuten klarzumachen, dass es überhaupt kein Problem ist, dass ihr Nachwuchs Ihnen den Sessel vollgekackt hat. Sie wollten das Ding eigentlich sowieso verbrennen. Und das tun Sie dann auch. Gibt es eben doch noch ein Osterfeuer. HAPPY BIRTHDAY!

Herzlichst,
Ihr Rock Galore

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