#freiheit - Revolution in der Blase

Dezember 2014 - Es herrscht Krieg in Deutschland. Unterdrückte Systemopfer begehren auf und stehen zusammen gegen die Ungerechtigkeit des Profits. Hunderttausende lassen ihrem Hass freien Lauf, die Situation scheint vielerorts bedrohlich, manche fürchten um Leib und Leben. Ihr Eigenes und das ihrer Lieben. Die Presse schreibt von einer "Dezember-Revolution" - kein Witz. Entweder das, oder ein YouTube-Star schlägt jeder wirklich für ihre Freiheit kämpfenden Protestbewegung mit der flachen Hand ins Gesicht, indem er unter dem Hashtag #freiheit seine Unfähigkeit, Verträge einzuhalten, dokumentiert und damit seine zahlreichen Fans gegen seinen ehemaligen Arbeitgeber aufbringt.

Ja, ja, das war polemisch. Nennen wir es Clickbaiting, beruhigen Sie sich. Fangen wir von vorn an und beschreiben kurz worum es genau geht. Der YouTuber Simon Unge trennt sich, medienwirksam in einem Video, von seinem Vermarkter Mediakraft. Er erhebt dabei schwere Anschuldigungen, wie Vertragsbruch und Betrug, ja, man soll sogar gedroht haben ihn in die Privatinsolvenz zu treiben. All das wäre kaum der Rede wert, hätte besagter YouTuber nicht eine Reichweite von über einer Million Abonennten. So nimmt der Shitstorm seinen Lauf und gipfelt in Morddrohungen gegen einzelne Mediakraft-Mitarbeiter. Das ist die Kurzfassung, für die es, wie immer, mehrere Interpretationsmöglichkeiten gibt.

Mediakraft: Wir haben einen Vertrag mit Herrn Unge und diesen eingehalten. Herrn Unge reicht das nicht und er möchte jetzt vorzeitig aussteigen, dem müssen wir leider widersprechen.

Unge: Mir wurden Dinge versprochen, die dann nicht eingehalten wurden. Ich möchte raus aus meinem Vertrag, aber die lassen mich nicht.

Für mich persönlich ist YouTube ein Werkzeug, privat wie beruflich, und ich habe keinerlei Bindung zu irgendeiner der Parteien dieses Konfliktes, deshalb kann ich ganz emotionslos und halbwegs objektiv an die Sache herangehen. Für mich stellt es sich so dar, und wenn man sein Ohr ein bisschen zwischen die Zeilen seines Statements hält hört man das auch raus, dass Simon Unge schon nach kurzer Zeit herausgefunden hat, dass er mehr verdienen kann, wenn er sich selbst vermarktet. Er hat versucht aus seinem Vertrag zu kommen, was zum Streit führte. Man traf sich vor Gericht, welches ihm vermutlich klar gemacht hat, dass er alle Vermarktungsrechte an seinen Kanälen an Mediakraft übertragen hat.

Er kann also prinzipiell gehen, darf aber seine Kanäle und damit seine Abonnenten, also sein Kapital, nicht mitnehmen.

Ja, liebe mitlesende YT-Fans, ihr seid Kapital. Lebt damit.
Das stellt ihn natürlich vor ein Problem, denn er möchte ja gern weiter seinen Lebensunterhalt bestreiten. Also stellt er ein Video ins Netz, darin Mediakraft an die Wand und hat die beste Promo für seinen neuen Kanal, die man sich nur wünschen kann. Knapp 500.000 Abonnenten in den ersten 24 Stunden, ohne auch nur ein Video veröffentlicht zu haben, sprechen für sich. Ebenso kann mir niemand erzählen, dass Unge nicht ganz genau wusste, welchen Shitstorm sein Video nach sich ziehen würde. So naiv kann niemand sein, der sich in den vergangenen Jahren im Internet bewegt hat. Die Morddrohungen, das persönliche Angehen jedes Mitarbeiters, der persönlich erreichbar ist, all das wurde zu Werbezwecken eingesetzt. Meiner Meinung nach.

Nun sind Mediakraft keine Engel, sie haben im Gegenteil einen gewissen Ruf unbedarfte, junge Leute mit Knebelverträgen an sich zu binden und sie wissen ganz sicher auch, wie man sich in Stellung bringt. Also zog man seine mächtigsten Schachfiguren ins Feld, die Y-Titties & Co. Die Geschütze sind also geladen und eine Armee aus hunderttausenden Kiddies steht bereit, um den Kampf aus dem Gerichtssaal ins Internet zu tragen und sich zu Werbezwecken instrumentalisieren zu lassen. Die größtenteils jugendlichen Fans beider Lager nehmen dabei jedes Argument ihrer Stars weitgehend kritiklos auf und kaum jemand hinterfragt, worum es eigentlich geht: Die YouTube-Kids von gestern sind heute Stars mit millionenschweren Marketingbudgets! Aus dem romantischen Bild der DIY-Unterhaltung von Gelangweilten für Gelangweilte ist ein Business geworden.

Das Problem der meisten YouTuber ist dabei ihre Austauschbarkeit. Viele der Videos sind eine reine Aneinanderreihung von Produktplatzierungen, die lediglich von Kundenbindung unterbrochen werden. Manche setzen auf eine emotionale Bindung ("Ich war früher fett, hässlich und wurde gemobbt. Wie ihr!") als Nährboden für ihr Verkaufsgespräch, andere sind strahlend schön und zeigen der beeinflussbaren Jugend was sie kaufen müssen, um trotzdem niemals so auszusehen und wieder andere filmen sich beim Computerspielen und reden dabei darüber. Das hat meine Oma früher schon beim Stricken genauso unterhaltsam gemacht, nur fehlte damals die Plattform, das Ganze gewinnbringend zu vermarkten. Jeder, der halbwegs unfallfrei eine Stunde sprechen und die Mechanismen bedienen kann und sich zudem nicht mit Premiere in den Daumen schneidet ist dazu mehr oder wenig in der Lage. Faktisch sind die Videos weder handwerklich noch inhaltlich besonders gut, aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten.

Nun folgt jedenfalls der Auftritt der klassischen Medien, wahlweise in Satireform oder Berichterstattung. Bei den Fans sind sie nur die "alten Medien", die wahlweise Angst vor dem Internet haben oder schlicht neidisch sind. Nichts könnte falscher sein. Man kann sich ganz hervorragend über Helene Fischer lustig machen, ohne neidisch auf sie zu sein oder Angst vor ihr zu haben, einfach weil sie in der Mitte der Gesellschaft steht und sie den maximalen Bekanntheitsgrad hat. Und das, liebe Fan-Fundamentalisten, ist es, wo eure Stars nun stehen. Sie sind die Helene Fischer des Internets, ob es euch nun gefällt oder nicht. Herzlich Willkommen im Mainstream, wo jeder seine Meinung äußern kann und darf, wo man über jeden schreiben und sich über jeden lustig machen darf, weil er einfach die nötige Relevanz hat.

Zudem wüsste ich gar nicht so genau, wo der große Unterschied zwischen YouTube und z.B. dem Fernsehen genau liegen soll. YouTube ist ein Verbreitungsweg, wie die Satelitenübertragung, über den Unterhaltung oder Information in die Haushalte gebracht wird. Man wird dort genauso mit Werbung zugemüllt wie im TV, man bekommt dort genauso zielgruppengerecht produzierte Unterhaltung wie im TV und es geht auch dort ab einer bestimmten Größe ausschließlich um Geld und Einschaltquoten, respektive Klickzahlen. Die YouTube-Startseite und die Empfehlungen sind nichts anderes als die ersten neun Programme auf der Fernbedienung, 95% der Menschen verlassen sie nicht, und revolutionär ist daran kaum etwas. Die YouTuber haben vielleicht einen acht-, statt eines sechsseitigen Würfels, aber sie spielen trotzdem dasselbe, gute, alte Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Und zwar um Geld, wie alle anderen auch.

Ich bin gespannt, wie sich die Diskussion weiter entwickelt und bin schon jetzt erschrocken darüber, wie schnell die Kids jemandem den Tod wünschen, bloß weil er anderer Meinung ist als sie. Ich habe Kommentare gelesen, die davon sprachen dass andere vergast gehören, bloß weil ihr Gegenüber einer vermeintlich anderen Seite angehört. Und ja, wir sprechen hier immer noch von YouTube-Videos. Die meisten Angesprochenen haben genug Distanz, um das nicht persönlich zu nehmen, aber denen, die sowas schreiben, möchte ich dringend raten diese Postings doch vielleicht zu löschen bevor sie, so in 2-4 Jahren, möglicherweise in einem Bewerbungsgespräch damit konfrontiert werden. Ein bisschen Distanz, eine Prise Objektivität und ein Blick aus der eigenen Blase heraus direkt über den Tellerrand haben noch nie geschadet. Just my two cents.

Herzlichst, Ihr Rock Galore

Kommentare

  1. Sehr schlau, durchdacht und gut schreiben kannst du auch. Ich stimme dir in vielen Punkten zu, wenn auch nicht in allen, aber das einzige was mich wirklich stört ist das, was fast alle YouTube-kritischen Menschen direkt oder indirekt behaupten, nämlich, dass die meisten "YouTube-Kiddies" (ein schreckliches Wort übrigens) blind ihren Stars folgen. Gerne sagt man "diese 12-Jährigen Kids" oder Böhmermann sprach sogar von 14-Jährigen. Es gibt ein paar dumme, aggressive Kinder die im Schutze der Anonymität über Leute mit anderer Meinung herfallen, aber erstens verhalten sich Erwachsene nicht selten genau so, zweitens gibt es diese Menschen auf beiden Seiten (YouTube Fanatiker stehen YouTube Hassern gegenüber) und drittens darf man das nicht immer auf alle beziehen! Indirekt teilst du uns mit, dass die minderbemittelten YouTube-Suchtis ihren Stars hinterherrennen und für sie einen Krieg beginnen. Vielleicht liege ich falsch, aber ich denke, dass höchstens 100 von 1 Million solche "Extremisten" sind, sie fallen nur mehr auf, als die objektiveren/freundlicheren Zuschauer, da sie eben extrem sind.
    Ich bin 15 Jahre alt, schaue sehr gerne YouTube-Videos, habe aber, wie die meisten anderen Zuschauer auch, eine objektive und distanzierte Sicht auf das Ganze und hasse es, ständig als minderbemittelter Teenie oder YouTube-Kiddie abgestempelt zu werden.
    Ich würde mich sehr freuen, wenn du dir das zu Herzen nimmst.

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  2. Hallo Lisa,
    du hast natürlich recht, dass ich in meinem Post nicht darauf eingegangen bin dass nicht jeder, der mal auf YouTube abhängt und unter 20 ist, ein bombengürteltragender Extremist ist. Mir ist durchaus bewusst, dass die große Mehrheit nicht so ist und es war nicht meine Absicht, diesen Eindruck zu erwecken.


    Herzlichst,
    Dein Rock Galore

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