Blasenschwäche

"Wir befinden uns im Jahre 2014 nach Christus. Ganz Twitter ist von den Algorithmen besetzt... Ganz Twitter? Nein! Eine von unbeugsamen Twitterern bevölkerte Blase hört nicht auf, den Eindringlingen Widerstand zu leisten." So, oder so ähnlich, fühlt sich eine gefühlt 500.000, tatsächlich vermutlich etwa 53, Menschen große Gruppe in einer Social-Media-Rebellenfraktion und tritt in den #Twitterstreik, um es Twoliath aber mal richtig zu zeigen. Ein kurzer Exkurs, warum das Scheitern muss.

Ich muss sie vorab allerdings mit ein wenig Statistik langweilen, faktisch mit einer kleinen Hochrechnung. In den 3 Tagen vor dem, jetzt schon, legendären #Twitterstreik von 2014 gab es etwa 5.000 Tweets zu diesem Thema¹, was etwa 69 Tweets pro Stunde ausmacht.

69. kchchch
Bezeichnend ist auch, dass sich die Zahl der Nennungen des Hashtags nach dem eigentlichen Streik nahezu verdoppelt hat. Aber zurück zu unseren 69 Tweets. Gehen wir davon aus, dass es sich bei etwa 50% davon um Retweets handelt, und das ist eine sehr vorsichtige Schätzung, und dass jeder, der den Hashtag benutzt hat, zwei Tweets dazu schrob, kommen wir auf eine beachtliche Zahl von, aufgerundet, 18 Aktivisten pro Stunde, die für eine freie Timeline mehr übrig haben als einen Retweet-Button. Den twitterschen Hämekoeffizienten, der den Anteil an verhohnepiepelnden Spaßtweets zum Thema markiert, lassen wir einfach mal außen vor, hier darf sich jeder eine eigene Meinung über die Größe des Kuchenstücks bilden.

Wenn das deutsche Twitter nun 2 Stunden streikt, dann sprechen wir von einer Blase von einigen tausend, im Normalfall sehr aktiven, Schreibern, für die 2 Stunden ohne Twitter so unvorstellbar sind, dass sie eine solche "Abstinenz" für eine Waffe halten. Für die meisten anderen ist es hingegen nur mal ein Spiel spielen mit den Kindern, ein Wocheneinkauf im Supermarkt, Oma besuchen oder einfach mal wieder Sex haben, nicht zwingend mit Oma, aber mit einem anschließenden Schläfchen von 1 Stunde und 58 Minuten.

Global gesehen wird zudem gern vergessen, dass Deutschland im Twitterkontext ein winzig kleiner Markt ist. Wir machen grade mal knapp 1% der monatlichen User aus, in Zahlen etwa 2,4 Millionen². Selbst wenn wir es schafften, 10% davon zum Streiken zu bewegen, sind das ziemlich genau 0,1% der aktiven Twittergesamtnutzer³. Also das digitale Ebenbild einer Fliege, die auf dem fetten Hintern eines ausgewachsenen Elefanten sitzt. Eines afrikanischen.

Ja, es handelt sich um eine sehr große Fliege. (Für diejenigen, die jetzt die 0,1% auf das Körpergewicht eines Elefanten umrechnen. Ich weiß, dass ihr da seid. I feel you! )
Einen Streik dieser 0,1% kann man sich in etwas so vorstellen, als stecke man seinen Finger in ein gerade geöffnetes und ansonsten jungfräuliches Glas Nutella. Der Finger gleitet hinein, dellt das braune Gold nach unten aus, um den Finger herum und an den Rändern steigt der Füllstand leicht. Sieht dann allerdings abends jemand in das Glas, wird er keinerlei signifikante Änderung erkennen, selbst wenn ein bisschen was am Finger hängen blieb. Es sei denn es ist eins dieser kranken Schweine, das Nutella in den Kühlschrank stellt. Exakt so wird sich auch der #Twitterstreik im statistischen Mittelwert der Zugriffe für die Twitteranalysten darstellen, wenn sie sich die Monatszahlen ansehen.

Letztlich muss man sich auch fragen, wofür man kämpft. Es ist ein Konzern mit einem kostenlosen Produkt, keine Demokratie. Es gibt kein Recht auf "mein Twitter", selbst wenn wir uns geschlossen vor die Twitter-Zentrale in San Francisco stellten und gemeinsam "WIR SIND DAS TWOLK!" skandierten. Es ist ein börsennotiertes Unternehmen und es muss Geld verdienen. Die Marktforschung wird gesagt haben, dass Twitter einfacher und zugänglicher werden muss, um zu wachsen. Sie wird gesagt haben, dass es Neueinsteigern schwer fällt Zugang zu finden.  Und wenn wir ehrlich sind, in unserer Blase, dann hat die Marktforschung an dieser Stelle Recht. Diejenigen die kommen, um zu bleiben, investieren viel Zeit, um in Twitter heimisch zu werden.

"Heimisch", nicht "hämisch". "Hämisch" geht in der Regel schneller.
Es gilt, aus Sicht des Netzwerks, diese Einstiegshürde zu verringern und man sucht sein Heil in der Reduzierung des Grundrauschens: Relevanzsortierung.

Fakt ist: Wir werden Twitter nicht daran hindern, sich zu verändern. Wir können nur, jeder für sich, die Entscheidung treffen, ob wir mit der Veränderung leben können oder nicht. Wir können zum nächsten kleinen hippen Startup gehen und dort unsere Gedanken abladen, aber wir sollten uns nichts vormachen, wir wollen auch gelesen werden, sonst würden wir einfach Tagebuch schreiben. Wachstum ist also auch für jeden von uns wichtig und Wachstum kostet Geld und Geld für Leistung zu verlangen ist nunmal verpönt. In diesem Internet.

Herzlichst, Ihr Rock Galore

[1] http://topsy.com/analytics?q1=%23Twitterstreik
[2] http://de.statista.com/statistik/daten/studie/244178/umfrage/aktiven-twitter-nutzer-in-deutschland-und-ausgewaehlten-laendern/
[3] http://de.statista.com/themen/99/twitter/

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