Safety first

Kennen Sie Linus Yale? Nein? Das macht nichts. Vor diesem Blogpost kannte ich ihn auch nicht. Linus Yale gilt als der Erfinder des modernen Zylinderschlosses¹. Und Schlösser sind eine ganz wunderbare Erfindung, sie schützen das eigene Hab und Gut vor Verbrechern. Vor Ganoven, die keine Skrupel besitzen in anderer Leute Häuser, Wohnungen, Leben einzudringen und ihnen nicht nur den 110-Zoll-UHD-Fernseher und den zugehörigen Gamecube, sondern auch ein Stück heimeliger Geborgenheit zu stehlen. Man könnte Herrn Yale als Helden bezeichnen, wenn man einen Hang zum berühmten Quentchen-zu-viel Pathos hat, mindestens aber als einen großen Tüftler, dessen Verbesserung des Schlossprinzips es bösen Menschen seit über 150 Jahren ein bisschen schwerer macht einzubrechen. Und man muss wohl auch froh sein, dass er sich seine Idee eines Schlosses 1861 patentieren ließ und nicht 2014, sonst hätte man ihm eventuell vorgeworfen, dass er die Verantwortung den Opfern zuschiebe und er zwar eine gute Idee gehabt hätte, echtes Empowerment aber doch wohl irgendwie anders aussehe.

Man würde Yale vermutlich entgegnen, dass ein Schloss der völlig falsche Ansatz sei und man doch seine Energie eher darauf verwenden solle, den Einbrechern nachdrücklicher zu vermitteln, dass ihr Handeln Unrecht sei. Es könne zu einer "hättest du mal das Schloss gekauft"-Umkehrung der Schuld führen und überhaupt, jemand, der es auf dein Haus abgesehen hat, käme doch nun wirklich auch anders hinein. Yale würde sich mit der Anschuldigung konfrontiert sehen Menschen zu zwingen, selbst dafür verantwortlich zu sein, nicht ausgeraubt zu werden und das sei doch nun wirklich der falsche Weg.

Nein, es ist nicht Linus Yale, der 2014 das Schloss erfindet. Es sind vier amerikanische Studenten, die einen Nagellack erfinden wollen der sich verfärbt, wenn er mit Vergewaltigungsdrogen in Berührung kommt und eben diese Studenten sehen sich mit genau diesen Argumenten konfrontiert². Ich will ehrlich sein, ich verstehe es nicht, kann die Begründungen in keiner Weise nachvollziehen und wäre dankbar, erklärte sie mir jemand. Ich wage mal die steile These dass jeder, der dies tut, weiß, dass es Unrecht ist, anderen Leuten KO-Tropfen ins Getränk zu mischen, vielleicht bin ich aber auch nur naiv.

Das Problem ist doch viel mehr, dass es diesen Leuten schlicht egal ist, dass sie Unrecht tun. Es ist auch unbestritten, dass wir gesamtgesellschaftlich weiter und dringend daran arbeiten müssen, dass Frauen nicht als Freiwild betrachtet werden. Trotzdem erschließt sich mir nicht, warum es von Nachteil sein soll, den Versuch zu unternehmen, sich zu schützen. Für mich spielt die Aussage, dass ein solcher Nagellack schlecht sei, weil die Gefahr einer Schuldumkehr bestehe, rhetorisch, nicht faktisch, in einer Liga mit Papst Paulchen, als er im Angesicht einer HIV-Epidemie Kondome verbat. Es gibt Krankheiten und es gibt böse Menschen und ich halte es in beiden Fällen für falsch, den Versuch sich davor zu schützen, zu verteufeln und Menschen zu verurteilen, die es versuchen möchten. 

Natürlich ist der Sachverhalt ein argumentativ schwieriges Feld. Es ist leicht, einen solchen Nagellack mit der unsäglichen, leider immer wieder aufkeimenden, "Was trägt sie auch für einen kurzen Rock"-Argumentation auf eine Stufe zu stellen, aber ich halte es für falsch, das zu tun. Es ist ein himmelweiter Unterschied, ob ich mich anders kleide, um Übergriffen aus dem Weg zu gehen, oder ob ich einen solchen "Schnelltest" dabei habe, der noch dazu nicht als solcher zu erkennen ist. Das eine schränkt nämlich die persönliche Freiheit ein, das andere, meiner Meinung nach, nicht.

Die Diskussion wird sehr zynisch geführt. Es ist die Rede davon, dass man im Grunde nur den Nagellack und die Anti-Vergewaltigungs-Unterwäsche, ein Pfefferspray und die Rape Whistle bei sich tragen müsse und schon sei man sicher und mein Ironiemodul schrillt und blinkt dazu im Takt und in sehr schönen Farben. Ja, in einer besseren Welt wären all diese Dinge nicht nötig und sie sollten nicht nötig sein. Genauso wenig wie Alarmanlagen, Brustbeutel, die schon erwähnten Schlösser, Kevlarwesten, Passwörter, PIN-Nummern... Sie erkennen das Prinzip. Leider ist die Welt derzeit einfach nicht besser und sie wird es auch nicht, indem man reale Gefahren mehr oder weniger ignoriert. Es sollte jedem freigestellt sein, wie er versucht sich zu schützen und Schutzmaßnahmen, für wie wirksam man sie auch immer halten mag, schließen weder eine Resozialisierung der Täter, noch Schritte zur innergesellschaftlichen Stärkung der weiblichen Position aus.

Ich glaube fest daran, dass Aufklärung immens wichtig ist, dass weiter am Unrechtsbewusstsein der potentiellen Täter gearbeitet werden muss und auch daran, dass man sich durch eine solche Erfindung nicht in trügerischer Sicherheit wägen sollte. Aber ich verstehe beim besten Willen nicht warum es falsch sein sollte, trotzdem Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen. Man kann und muss den Menschen immer wieder vor Augen führen, dass es Unrecht und verwerflich ist, ein Einbrecher oder Vergewaltiger zu sein, aber für den Fall dass es ihnen egal ist, habe ich irgendwie doch lieber ein Schloss an der Tür.

Herzlichst, Ihr Rock Galore

Quellen:

Kommentare

  1. Zwielicht Funkel28. August 2014 um 13:01

    Ich glaube nicht mal, dass es etwas bringt auf das "Unrechtbewusstsein" potentieller Täter zu arbeiten. Das ist nicht so was kleines wie Ladendiebstahl. Menschen die ernsthaft eine Vergewaltigung erwägen, haben eine irreparable kaputte Moral, die man nicht einfach so auf die richtige Bahn bringen kann. Daher halte ich es auch für falsch verurteilte Vergewaltiger wieder frei zu lassen.

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  2. Das ist ein schwieriges Feld. Es gibt zum Beispiel eine Differenzierung zwischen Mord und Totschlag nicht ohne Grund, auch wenn das Ergebnis für das Opfer letztlich dasselbe ist. Begriffe wie Vorsatz und Affekt können durchaus für die Einschätzung der Resozialisierbarkeit eines Täters relevant sein. Das ist alles sehr schwer zu beurteilen und ich würde mich da auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen wollen.

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