Von großen und kleinen Menschen

Es ist soweit. Amerika hat mit #YesAllWomen seine eigene #Aufschrei-Debatte und wie zu erwarten war fällt sie ein wenig größer aus als unsere. Es ist zu wünschen, dass sie es auch dort in die Medien schafft. Raus aus der Blase. Denn zunächst mal bringt sie dieselben Probleme mit sich, die solche Bewegungen und vermutlich auch dieser Blogpost immer mit sich bringen: Mit dem Thema beschäftigen sich nur diejenigen, die es wahrscheinlich gar nicht so nötig hätten. Oder Trolle, aber die lasse ich mal außen vor.

Auf #YesAllWomen reagiert der amerikanische Twitterer mit #NotAllMen. Als ob irgendjemand mit dem Finger auf alle Männer gezeigt hätte. Der Umkehrschluss zu "Alle Frauen..." lautet nicht zwangsläufig "Alle Männer...", aber dennoch ist die Reaktion irgendwie verständlich und leicht durch die in der Einleitung schon erwähnte Filterbubble erklärbar. Die Männer, die sich überhaupt mit einem solchen Hashtag beschäftigen, sind nicht unbedingt die Klientel die gemeint sind, behaupte ich einfach mal, und sie fühlen sich durch die verallgemeinernde Grundthese persönlich angegriffen. Vermutlich ist #NotAllMen sogar gut gemeint, soll den betroffenen Frauen Mut machen, will sagen, dass nicht alle so sind. Als wenn es einer vergewaltigten Frau irgendwie helfen würde, dass aber auch ganz viele da draußen ohne Gewalt auskommen. "Mensch, so ein Pech. Dass du jetzt aber auch ausgerechnet an den geraten bist, die meisten sind ja nicht so. Vielleicht solltest du Lotto spielen!". Einem Gewaltopfer, egal welchen Geschlechts, gegenüber zu argumentieren, dass die meisten aber doch nett sind ist im Grunde ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft. Wenn wir nicht mehr hinkriegen als das, haben wir die Empathiefähigkeit einer Runkelrübe und im sozialen Bereich mindestens auf dreiviertel der Linie versagt.

Ich glaube übrigens nach wie vor nicht, dass unsere Gesellschaft tatsächlich ein reines Sexismusproblem hat. Ich glaube vielmehr, dass es ein Problem mit Anstand und Respekt gegenüber allem und jedem gibt. Das fängt schon im Kleinen an. Da, wo man mit jemandem spricht, ohne die Kopfhörer aus den Ohren zu nehmen. Oder Unterhaltungen zu führen, bei denen man mehr aufs Display schaut als in die Augen seines Gegenübers. Ich schließe mich da nicht aus. Ja, das sind nur Kleinigkeiten, aber es zeigt, wie wir als Gesellschaft den Respekt verlernen. Der Gesprächspartner ist nichts mehr wert, nicht mal unsere volle Aufmerksamkeit. Das Eigentum anderer ist nichts wert. Die Privatsphäre anderer ist nichts wert. Das Leben anderer ist nichts wert. Jedenfalls weniger als der eigene Wunsch nach Abwechslung, Frustabbau, Adrenalin, dem eigenen Status innerhalb einer Gruppe. Schuld haben immer die anderen, die Männer, die Frauen, die Türken, die Deutschen, die Schwarzen, die Weißen, die Karierten, was weiß ich, und das Aggressionspotential steigt.

Auch ich habe schon Angst in dunklen Parkhäusern gehabt und mir gewünscht, es gäbe nicht nur Frauen-, sondern auch Schmächtige-Typen-ohne-nennenswerte-Primärmuskulatur-Parkplätze. Du weißt auch als Mann nie, ob du nicht in 5 Minuten blutend auf dem U-Bahnsteig liegst, wenn du Samstag nachts eine Gruppe offensichtlich alkoholisierter Leute die Treppe runterkommen siehst. Und auch als Mann hast du die Bilder von völlig grundlos verprügelten Menschen, denen ohnmächtig am Boden liegend noch gegen den Kopf getreten wird, in Selbigem. Aber sind wir ehrlich, diese Angst ist eher situativ und wahrscheinlich nicht mit der von Frauen vergleichbar, die man fast schon als systembedingt wahrnehmen muss, wenn man sich die #Aufschrei und die #YesAllWomen-Beiträge so durchliest.

Im Rahmen einer der ersten Koellesterin-Veranstaltungen lernte ich eine Twitterin kennen. Ein paar Tage danach schrieben wir DMs über den Abend und sie schrieb, wie nett es gewesen sei, mich kennenzulernen und ich sei ein Gentleman gewesen, mit dem auf Nachfrage gelieferten Grund, dass ich den ganzen Abend nicht ein Mal versucht hätte, ihr an den Arsch zu fassen. Nicht mal, als wir uns zum Abschied umarmten.

Herzliche Grüße, du wirst dich wiedererkannt haben. Ich hoffe, du nimmst es mir nicht übel, dass ich das hier thematisiere. 
Sie meinte das ernst, ich habe das durch mehrmaliges Hinterfragen verifiziert. In dieser Aussage kommen zwei Dinge zusammen:
1. Ich bin verheiratet und sie ist nicht mal auf den Gedanken gekommen, dass mich diese Tatsache davon abhalten könnte, fremden Frauen an den Hintern zu fassen. Okay, bei der aktuellen Scheidungsrate eventuell noch nachvollziehbar, aber
2. Es scheint etwas Besonderes und Erwähnenswertes zu sein, wenn ein Mann die Frau ihm gegenüber nicht ungefragt betatscht
Ich habe mich an dieser Stelle massiv für meine Y-Chromosom-Genossen geschämt. Sehr. Und ich musste an meine, zu diesem Zeitpunkt, 6-jährige Tochter denken und wie ich jedem die Hand abhacken werde... Nein, werde ich nicht, aber Sie verstehen worauf ich hinaus will. ES SOLLTE EINFACH NICHTS BESONDERES UND ERWÄHNENSWERTES SEIN!

Ich bin ein Mann. Ich reagiere auf Schlüsselreize genau wie jeder andere von uns. Kurze Röcke und enge Klamotten lösen hormonelle Abläufe in mir aus, gegen die man sich in den seltensten Fällen wehren kann. Dinge die Frauen nicht nachvollziehen können, auch wenn sie oft denken sie könnten. Wir sprechen hier von abertausenden Jahren Evolution, das stellt man nicht einfach so ab. Dennoch ist für mich kein Szenario denkbar, indem eine hormonelle Überversorgung einen ungefragten Eingriff in die Intimsphäre eines anderen Menschen rechtfertigen würde, schon gar keinen gewaltsamen, egal ob das nun eine Frau oder ein Mann ist. Oder MEINE Frau oder MEIN Mann.

Egal ob Sie männlich oder weiblich sind, behandeln Sie Ihr Gegenüber mit dem größtmöglichen Respekt. Es macht Sie nicht kleiner, dass jemand anderes gerade größer ist. Und es macht sie nicht größer, wenn Sie jemand anderen klein machen. Egal ob physisch oder psychisch. Im Gegenteil.

Herzlichst, Ihr Rock Galore

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