Wie ich mal Leuten beim Fernsehen machen zusehen durfte

Es ist interessant, wohin das Leben einen so treibt. Und mit wem es einen zusammen bringt. Mich trieb es zu Twitter, dann mal wieder weg und auch mal wieder hin. Eine Hassliebe eben. Und Twitter wiederum brachte mich, neben vielen anderen wunderbaren Menschen, die jetzt hier nicht Thema sein sollen, mit Jan Böhmermann zusammen.

Im Grunde beginnt diese Geschichte am 15.04.2012, als Jan, mittlerweile darf ich ihn Herr Böhmermann nennen, begann, mir auf Twitter zu folgen. Das weiß ich so genau, weil ich ein verrückter Stalker bin in meinen E-Mails nachgesehen habe. Ich kannte ihn zu diesem Zeitpunkt hauptsächlich aus dem Radio, fand aber immer gut was er gemacht hat und ich würde lügen, wenn ich behauptete, dass ich mich nicht darüber gefreut hätte, dass er meinen Quatsch unterhaltsam genug fand um ihn eine Weile zu lesen. So weit, so gut, eine Geschichte wie sie sich wahrscheinlich täglich zuträgt, seit die, nicht zwangsläufig humorige, Prominenz, und Oliver Pocher, Twitter für sich entdeckt hat. Was meine soeben begonnene von den meisten anderen derartigen Geschichten unterscheidet, ist vermutlich eine DM, das ist eine so-privat-wie-es-in-prism-Zeiten-eben-geht-Nachricht, von ihm, die ich Ende Februar 2013 bekam und in der etwas von Köln stand und davon, dass er meine Tweets ganz gut fände und wie ich per Mail oder noch besser per Telefon zu erreichen wäre.

Ich muss ehrlich gestehen, dass ich nicht ganz sicher war, wie ich reagieren sollte. Ich sah mich meine Telefonnummer rausgeben und fortan von billigen polnischen Callcentermitarbeitern belästigt, die mir in gebrochenem Deutsch NKL-Lose und Blitz-ILLU-Abos am Telefon andrehen wollen. Also tat ich was jeder misstrauische Digital Native getan hätte: Ich gab erstmal meine Mail-Adresse raus. Diese eine, die man immer für die Schmuddelseiten benutzt. Focus Online, das SPON-Forum und so.

Ich bekam eine Mail aus der hervorging, dass ein gewisser Herr Böhmermann und die bildundtonfabrik in Köln Leute suchen, die schlau und lustig können und dass es dabei um Fernsehen, nicht weniger als die Zukunft und ein interessantes Projekt ginge. Wie ich da ins Spiel kommen sollte war, und ist mir im Grunde immer mir noch, ein Rätsel.

Seien wir ehrlich: Ein prominenter Vertreter des komischen Fachs, dessen Arbeit du auch noch magst, schreibt dich an und fragt dich nach deiner Telefonnummer. Du bist nicht weiblich, wahlweise gutaussehend oder Unterwäschemodel (ich bin keins von beidem) und hast keine Körbchengröße von mindestens C (daran arbeite ich noch). Das ist schon mindestens eine 7 auf der offiziellen Harald-Glööckler-Skala für Abstrusität, aber ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass es mir nicht geschmeichelt hätte.

Ich wies also die Frau in die hohe Kunst des frühzeitigen Abwimmelns von Callcenter-Mitarbeitern ein und entschied mich doch dazu, meine Telefonnummer an diesen Kerl rauszuschicken, der sich im Internet als Jan Böhmermann ausgab.

Fun-Fact: Ich habe eine Blanko-Vertragskündigung auf meinem Rechner, seit ich mit der Frau zusammen bin, sie unterschreibt einfach alles. Auch wenn das Abwimmel-Training sich in diesem speziellen Fall letztlich als unnötig erwies, umsonst war es sicher nicht.
Noch am gleichen Abend stand ich in meiner Küche und sprach am Telefon über Fernsehen, Comedy und das humoristische Potential des Internets. Über die vielen Menschen, die aus Mitteilungsbedürfnis und Langeweile, mit teils mehr, teils weniger viel Talent, viele andere Menschen kostenlos besser unterhalten als manch ein professioneller TV-Unterhalter. Wir sprachen über eine geplante Fernsehproduktion, die, neben etablierten Autoren, frische Leute ohne Fernseherfahrung einbinden wolle und wir sprachen über einen Castingbogen, den ich und ein paar andere ausfüllen sollen, wenn wir wollten.

Während des ganzen Telefonats wartete ich im Grunde immer noch ständig darauf, dass mir im nächsten Moment ein paar Analplugs mit Hitlers Konterfei für sagenhafte 89,90€ angeboten werden, aber das Angebot blieb leider aus. Stattdessen endete das Gespräch mit dem Versprechen mir besagten Bogen zuzusenden und gespannt auf meine Einsendung zu warten. Der Bogen kam wider Erwarten tatsächlich und wies mich darauf hin, dass ich 10 Fragen innerhalb von 72 Stunden mit einem maximalen Zeitaufwand von 120 Minuten zu beantworten habe.

Ich schrieb Klappentexte für das imaginäre (Bitte Gott, lass es imaginär sein!) neue Buch von Bettina Wulff, erfand Witze über Reiner Calmund, begründete, warum man dieses oder jenes Bundesland getrost in die Luft sprengen könnte und vieles mehr. Ich versuchte dabei innerhalb der 2 Sunden zu bleiben und dabei möglichst lustig zu sein und schickte meinen Antwortbogen mit realistischer Skepsis an die "Schwiegertochter gesucht"-Redaktion.

Nach ein paar Tagen bekam ich eine Mail mit dem Hinweis, dass mein Bogen schon mal so gut angekommen sei, dass man mich gern zu einer Party in der bildundtonfabrik einladen möchte.

Man muss an dieser Stelle vielleicht über mich wissen, dass ich mich in Situationen in denen ich niemanden kenne, in etwa so wohl fühle wie ein Schalker im BVB-Block. Beim Derby. Nur mit einem übergroßen Schalke-Tattoo bekleidet. Auf dem Penis. Trotzdem ging ich natürlich hin.
Ich war etwa 45 Minuten mehr oder weniger allein dort und überlegte gerade wieder zu gehen, als jemand den Raum betrat, mit einem Lächeln und ausgestreckter Hand schnurstracks auf mich zusteuerte und mich mit "Du musst Rock (Name geändert) sein, ich hab dich erkannt" begrüßte. Jan Böhmermann hat mich erkannt. Die "Mann beißt Hund"-Schlagzeile des kleinen Fanboys.

Ein paar Tage später war ich noch einmal zu einem persönlichen Gespräch dort, aber im Grunde war ich wohl schon durch meinen Bogen, in was auch immer, drin. Wenn ich wollte. Ich hatte keine Ahnung, wie ich das mit meinem eigentlichen Job vereinbaren soll, aber ich war drin. Verrückt. Ich würde Fernsehen machen, oder wenigstens anderen dabei zusehen.

Das alles ist jetzt schon ein halbes Jahr her. Das Kind hat mit #neomagazin einen Namen Hashtag und mit @neomagazin einen Twitteraccount, wir haben eine Pilotfolge gedreht für die ich mir eine Woche Urlaub nahm und gestern wurde die erste reguläre Sendung aufgezeichnet. Dabei sein zu dürfen, wie Fernsehen entsteht, das man sich selbst gern ansehen würde, ist, selbst nebenberuflich, ein Privileg.
Heute startet das NEO MAGAZIN, um 20:15 Uhr auf http://neomagazin.zdfneo.de und um 23 Uhr im Fernseher auf ZDFneo. Und ich freue mich ein, wenn auch sehr kleiner, Teil davon sein zu dürfen. Da Sie den Sendetermin vermutlich ebenfalls kaum erwarten können, schauen Sie sich bis heute Abend doch nochmal einen der Trailer an und dann sehen wir uns später vor dem Fernseher. Oder dem Internet, denn wer sieht heutzutage schon noch fern?



Herzlichst,
Ihr Rock Galore

Kommentare

  1. Dürfte man erfahren, was genau dein Part an der Show ist/war?

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Da würde ich mir das Recht herausnehmen, die Frage unbeantwortet zu lassen. Vor allem, wenn sie anonym gestellt wird, aber vermutlich auch sonst.
      Ich bin ein sehr, sehr kleiner Teil dieser Sendung. Würde man sie auseinandernehmen und wieder zusammensetzen, wäre ich die Schraube die übrig bleibt. Die Show wird durch mich weder besser noch schlechter, aber ich bin, aus oben genannten Gründen, sehr glücklich, an der Entstehung teilhaben zu dürfen.

      Löschen
    2. Hmm, schade. Weiß jetzt nicht, was das Problem an der Anonymität ist, aber der Grund, warum Herr B. dich dann in sein Team aufgenommen hat, wäre nicht ganz so schlecht für die Abrundung der Geschichte gewesen.

      Löschen

Kommentar veröffentlichen

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kindergeburtstag aus der Hölle, Teil 2

Kunst kommt von Können

WAS IST WAS? #Koellesterin - Wie ein Twittertreffen entsteht