Liebe Telekom, danke für deine Antwort, aber ein, zwei Fragen hab ich noch

Sehr geehrte/r LeserIn,
der eine oder andere hat vielleicht bereits meinen offenen Brief an die Deutsche Telekom gelesen. Ich habe erfreulicherweise per E-Mail eine Antwort von einem Stellvertreter eben dieser Deutschen Telekom mit der Freigabe zur Veröffentlichung erhalten, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Leider sehe ich auch darin nicht all meine Fragen geklärt. Die Stellungnahme wurde weder gekürzt noch sonstwie verändert.

Lieber Rock,
vielen Dank für Deinen Brief, in dem Du die aktuelle Diskussion differenziert betrachtest. Dafür schon mal danke. Das ist gar nicht so selbstverständlich in diesen Tagen. Ich will Dir gerne auf Deine Fragen antworten.
Liebe Telekom*,
danke dafür, dass du meine Bemühungen ein emotional sehr aufgeladenes Thema differenziert zu betrachten mit einer Antwort honorierst. Ich weiß, dass das keineswegs selbstverständlich ist und hatte, wenn ich ehrlich bin, auch nicht damit gerechnet.

- Dass unsere Tarife eine "bis zu"-Leistung bieten, hat technische Gründe. Je weiter ein Anschluss vom Verteiler weg ist, desto schwächer wird das Signal. Das ist Physik. Darum hinkt der Vergleich mit dem VW. Du kritisierst, dass wir "bis zu" 16 Mbit/s verkaufen, obwohl manchmal weniger drin ist. Dazu folgendes: Früher enthielt unser Basis-Tarif "bis zu" 3 Mbit/s, später "bis zu" 6 Mbit/s. Wir haben unser Angebot auf "bis zu" 16 Mbit/s verbessert - ohne dafür den Preis zu erhöhen. Das heißt: Für viele, viele Kunden ist heute mehr drin, ohne dass sie mehr bezahlen müssen. Ist das wirklich unfair?
Ich bin Informatiker. Und auch wenn ich Softwarefuzzi bin, und damit solche Themen nicht unbedingt in mein Fachgebiet gehören, weiß ich um die technischen Gründe wegen derer nicht jeder die volle Bandbreite bekommen kann. Dass ich kritisiere dass du "bis zu"-Tarife anbietest, obwohl manchmal weniger drin ist, ist so nicht ganz richtig. Ich kritisiere, dass Kunden damit etwas vorgegaukelt wird was es in den meisten Fällen gar nicht gibt und dass es keine Möglichkeit gibt, einen realistischen Tarif zu bekommen, der auch dem Rentner genügt, der nur ab und zu seine Mails checken und 2 Mal im Jahr seine schmale Rente in einen online gebuchten Mallorca-Urlaub investieren will. Für die durch 1MBit-Tarife freiwerdende, weil nicht zu reservierende, Bandbreite fiele dir sicher etwas ein. Dass es dir möglich ist, die Bandbreite technisch zu begrenzen und auf andere Kunden zu verteilen weiß ja jeder, der schon mal bei einem Marktteilnehmer unter Vertrag war, der bei dir Leitungen zukaufen muss.

Was die großzügige Volumenerhöhung bei gleichem Preis angeht, fühle ich mich hingegen ein wenig veralbert. Weißt du, liebe Telekom, ich habe bis vor 6 Monaten 1 MBit zur Verfügung gehabt. Mittlerweile habe ich 5 und die Kosten dafür trug zur Hälfte die Kommune, also ich mit meinen Steuern, und die oben genannten Marketingargumente kommen daher bei mir eher so semisexy an. Ich weiß zwar was du meinst, auf meiner Seite der Medaille hältst du mir aber nun mal weiterhin eine 16 MBit-Möhre vor die Nase, der ich hinterherlaufe, die ich (gefühlt) bezahlt habe, die ich aber in absehbarer Zeit nicht bekommen werde.

Um das Autobeispiel nochmal zu bemühen, das ich übrigens naturgemäß keineswegs als hinkend empfinde, habe ich einen Bis-Zu-250-PS-Golf geleast, aber nur einen 16-PS-Golf (In Worten: Sechzehn!) bekommen, auch wenn ich mittlerweile zum Glück auf 80 PS upgegradet wurde. Der Vollständigkeit halber sei gesagt, dass es auch ein Opel, Ford, Fiat, Lamborghini oder ein Sitzrasenmäher sein könnte. Nur dann halt kein Golf.
Was bleibt, liebe Telekom, ist das latente Gefühl zu viel zu bezahlen, und dass deine Kunden dieses Gefühl haben ist Schuld deiner Tarifpolitik. Und dass die Menschen mit diesem Gefühl nur sehr eingeschränkt bereit sind nun noch mehr zu bezahlen ebenfalls. Ich finde das auch durchaus verständlich. Wer weiß, wie das Gefühl der Leute wäre wenn du sagen würdest "Hey, du wohnst auf dem Land? Wir können nur die Hälfte des "versprochenen" liefern? Dann zahlst du auch nur die Hälfte!"? Wer weiß, liebe Telekom? Das würde wahrscheinlich deine Mischkalkulation kaputt machen, das ist richtig. Aber möglicherweise ist eben diese Mischkalkulation das eigentliche Problem und gar nicht so sehr die Poweruser.
- Wir halten Dich nicht für dumm. Wir möchten nur, dass die Bezahlung bei rasant steigender Belastung der Netze etwas gerechter wird. Wir wollen unser anerkannt gutes Netz weiter ausbauen, damit es auch künftig Deinem zu Recht hohen Anspruch gerecht wird. Wir möchten, dass das Netz für alle schneller wird und für einige wenige Vielnutzer teurer. Für die allermeisten Kunden wird sich nichts ändern. Das halten wir für gerecht. Wieviel man mit 75 GB im Monat anstellen kann, kannst Du übrigens auf der Grafik auf dieser Seite beispielhaft sehen:  http://www.telekom.de/netz-der-zukunft
Ach, liebe Telekom, jetzt machst du es schon wieder. Ich empfinde es nicht als gerecht, einen Bis-Zu-16-MBit-Tarif für effektive 5-MBit zu bezahlen und daran ändert sich auch nichts, wenn du es noch so oft wiederholst. Und damit bin ich offensichtlich nicht allein. Dass du willst, dass das Netz für alle schneller wird glaube ich dir sogar, aber halte uns Kunden doch nicht für so naiv, dass wir nicht wüssten dass es dir um Geld geht. Jeder will leben, liebe Telekom, und dafür braucht man Geld. Das ist legitim und jeder versteht das, lass es ruhig raus.

Ja, dass man mit 75 GB viel anstellen kann ist unbestritten. 7,5 HD-Filme gucken zum Beispiel, wie ich bereits erwähnte. Die restlichen 3 Wochen des Monats kann man damit dann wunderbar in der Nase popeln oder sich die Zehennägel schneiden. Ich werde polemisch, entschuldige.
Ich halte es aber für gar nicht so entscheidend, was man heute mit 75 GB alles anstellen kann. Viel interessanter ist doch, was man 2016 damit anfangen kann, was mich zum nächsten Punkt bringt.
- Den Werten, die wir genannt haben, liegen die Erkenntnisse von heute zugrunde. Wie Du sicher weißt, haben wir aber auch gesagt, dass wir die Neuerungen frühestens 2016 umsetzen werde. Bis dahin werden wir genau beobachten, wie sich der Markt entwickelt. Wir wollen  nämlich auch 2016 wettbewerbsfähige Tarife anbieten und unsere Kunden zufrieden stellen.
Man liest ja so viel dieser Tage, liebe Telekom, zum Beispiel, dass du selbst mit einer Vervierfachung des Durchschnittstraffics bis 2016 rechnest. Unbestätigte Quellen natürlich, du bist ja nicht dumm. Aber rechnen wir mal durch. Das wären dann die aktuellen, durchschnittlichen 20GB... mal, wie war das?... 4? Also 20x4...? Oh, liebe Telekom, dann wären aber plötzlich fast alle betroffen, die auf dem Durchschnitt liegen. Also tut mir leid, liebe Telekom, aber dieses Argument beruhigt mich noch nicht wirklich. Aber vielleicht veröffentlichst du mal deine tatsächlichen, offiziellen Hochrechnungen und Schätzungen, liebe Telekom? Und sag mir nicht, es gäbe keine.
- Mit Entertain buchen unsere Kunden Fernsehen, deshalb müssen wir sicherstellen, dass sie nicht plötzlich vor einem schwarzen Bildschirm sitzen. Bei Entertain handelt es sich zudem um einen Dienst, für den unsere Kunden extra bezahlen.
Nein, sie buchen kein Fernsehen. Sie buchen IPTV, halb Internet, halb Fernsehen. Und IPTV wird, wie jeder weiß, über das Internet empfangen. Du sagst, es geht dir um Bandbreite, liebe Telekom, also sag mir, verbraucht Entertain nun Bandbreite, oder nicht? Ich habe kein Problem damit alles zurückzunehmen und das Gegenteil zu behaupten wenn ich falsch liege, du kennst mich, aber so weit ich weiß verbraucht IPTV Bandbreite, die du doch so heroisch reduzieren willst, um allen Menschen schnelleres Internet zu bieten. Korrigier mich bitte, wenn ich falsch liege.
Wir sind überzeugt, dass das fair ist. Und wir hoffen sehr, dass Du uns als Kunde erhalten bleibst. Denn darum kämpfen die Telekom und ihre Mitarbeiter jeden Tag mit vollem Einsatz.
Das glaube ich dir. Ich habe nie Probleme mit den Mitarbeitern gehabt, die deine Entscheidungen an vorderster Front zu rechtfertigen haben. Trotzdem bin ich nicht überzeugt vom Marketingdeutsch, dass aus dir den Robin Hood der Netzgemeinde machen soll, tut mir leid.

Außerdem hätte ich mich gefreut, etwas über die mehr als lächerliche 384kBit-Grenze zu lesen, liebe Telekom. Tatsächlich ist das für mich sogar eine der wichtigsten aller gestellten Fragen. Warum 384kBit? Warum nicht 2MBit? Oder 3? Wir wissen beide, liebe Telekom, dass dir das vermutlich viel Ärger erspart hätte. Die Poweruser bremst das fast genauso und argumentativ wäre es viel leichter gewesen sagen zu können: "Streaming? Auch in Zukunft kein Problem, nur für HD muss man nach X GB bezahlen". Für HD zu bezahlen sind die Menschen schon gewöhnt, also warum, liebe Telekom, musste es die Steinzeit sein, wenn es das späte Mittelalter, mit wahrscheinlich deutlich weniger Gegenwind, auch getan hätte? Das interessiert mich tatsächlich sehr.

Nein, liebe Telekom, noch hast du mich nicht. Ich habe Kinder, die in 2016 11 und 9 sein werden und naturgemäß mit dem Internet aufwachsen. Meine Bereitschaft ihren Konsum, vor allem wenn sie Teenager sind, nicht nur nach zeitlich-erzieherischen, sondern dann auch noch nach bandbreitentechnisch-monetären Gesichtspunkten zu kontrollieren, damit ich auch am Ende des Monats noch einen VoD-Film gucken kann ohne ihn doppelt bezahlen zu müssen (ja, auch die Content-Anbieter wollen Geld, aber das weißt du ja), hält sich weiterhin in Grenzen, selbst wenn ich bis dahin superschnelles 100 MBit-Internet haben sollte, das ich gar nicht brauche.

Dein Rock

* Der Autor der Mail ist mir namentlich bekannt, hat aber darum gebeten nicht explizit genannt zu werden, was ich selbstverständlich respektiere.

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