Verantwortung und das Internet

Selbst wer meinen Twitteraccount nur mit halboffenen, nach durchzechter Nacht verquollenen, Augen liest weiß vermutlich, dass ich Kinder habe. Kind1(8) ist acht. Kind2(6) ist aktuell, Sie ahnen es, sechs. Wir gehören zum elitären Kreis derer, die ein iPad sein Eigen nennen und so kommt es immer häufiger vor, dass Kind1(8), der Junge, googelt, was uns, die Eltern, nicht zuletzt, mit der Pflicht der Medienerziehung konfrontiert.
So weit, so gut. Er googelt Bilder von Tieren, nach Dinosauriern, Fußball und anderen Dingen die einen achtjährigen eben so interessieren. Man leitet an, erklärt dieses und jenes, aber kann eben auch nicht ständig und die ganze Zeit daneben sitzen.

Vor einigen Tagen nun erreichte ein Hinweis auf einen Blogpost meine Twitter-Timeline in dem es um eine Bloggerin ging, die online beschimpft und bedroht wurde, damit zur Polizei ging und sich wenig später, wegen expliziter sexueller Darstellungen in ihrem Blog, mit einer Anzeige wegen Verbreitung von Pornographie konfrontiert sah. Lesen könnt ihr den Blogpost hier.

Ich schüttelte oft den Kopf bei der Lektüre des Artikels. Weil die Geschichte natürlich unglaublich, tragisch und auch traurig ist. Angefangen bei der Tatsache, dass man sich überhaupt über das Medium Internet bedroht fühlen muss und aufgehört bei der Enttäuschung, von der Polizei, von der man sich Hilfe erhofft hatte, zum Täter gemacht zu werden und Teile seiner Zukunft aufs Spiel gesetzt zu sehen. Aber auch, weil darin so wenig Unrechtsempfinden enthalten war. Weil mit dem Finger auf die YouPorns dieser Welt gezeigt wird, als beginge der kleine Taschendieb weniger Unrecht, weil es auch Bankräuber gibt.

Das Internet ist kein rechtsfreier Raum, um diesen Allgemeinplatz mal zu bemühen. Eine Beleidigung ist eine Beleidigung, etwas zu verschenken, das einem nicht gehört, ist Unrecht und auch die Verbreitung von Pornographie ohne Einhaltung des Jugendschutzes ist eine Straftat. Und, aus der Sicht des Vaters eines Acht- und einer Sechsjährigen, zu Recht! Für mich als Vater ist es relativ leicht, den Zugriff auf die paar Hände voll großer, einschlägiger Seiten zu unterbinden solange die Kinder noch klein sind. Es gibt Wortfilter mit denen man arbeiten kann usw. aber wie soll ich verhindern, dass er auf einen Blog mit für Kinder fragwürdigem Inhalt kommt? Jeder hat schon mal nach einem Begriff gegoogelt und war nur zwei Klicks später bei einem ganz anderen Thema.

Ich kann einige von euch denken hören. "Hat er grade geschrieben, dass er kontrollieren will was seine Kinder im Internet lesen? SKANDAL!" Nein. Noch nicht. Aber ich denke darüber nach. Wenn es darum geht die Kindheit meiner Kinder zu bewahren bin ich das verdammte China meiner Familie. DER JUNGE IST ACHT! Ich bin Informatiker und sicherlich nicht so naiv, zu denken dass das ewig ginge. Nicht mehr lange und er weiß vermutlich mehr über Computer als ich. Aber solange es geht und wenn ich das für nötig hielte, jederzeit.

Ich stelle mir auch oftmals die Frage ob einige, die sich zum Schreiben im Netz berufen fühlen, sich ab und zu, möglicherweise zwischen zwei egozentrischen Blogposts über die Beschneidung der eigenen Rechte im Internet, mal Gedanken darüber machen, dass auch sie eine gesellschaftliche Verantwortung haben. Nicht nur die Eltern sozialisieren unsere Kinder. Und nicht nur die Schule und der Kindergarten, sondern auch das direkte und indirekte Umfeld, die Gesellschaft eben und damit nicht zuletzt auch das Netz. Jeder würde wahrscheinlich zustimmen, dass es das richtige Signal ist Kindern Zivilcourage vorzuleben, wenn zum Beispiel im öffentlichen Raum, wie einem U-Bahnhof, Menschen bedroht werden. Im öffentlichen Raum, wie zum Beispiel dem Internet, jedem pornographisches Material zugängig zu machen ist hingegen in Ordnung.

Ich bin nicht prüde, um das klarzustellen. Im Gegenteil. Ich frage mich nur, warum man Bilder ins Netz stellen muss, die nachher auch nur in den Verdacht der Pornographie geraten könnten, um seinen Blog zu bebildern. Im oben geschilderten Fall handelte es sich, so weit ich weiß, um das Bild einer gefesselten Frau der, gut sichtbar, ein Penis in den Mund gesteckt wurde und die Fragen die ich mir stelle sind: Muss das wirklich sein? Gibt es nicht weniger explizite Bilder mit denen ich einen BDSM-Post unterlegen kann, wenn ich weiß dass die Seite frei zugänglich ist? Warum finden es immer alle nur so lange skandalös dass heutzutage schon 12-jährige Gewalt- und Sexvideos auf ihren Handys haben, bis sie sich möglicherweise mit ihrer eigenen Verantwortung dabei beschäftigen müssen? Und nicht zuletzt: Warum wundern wir uns in der #Aufschrei-Debatte über das immer noch in weiten Teilen verabscheuungswürdige Frauenbild in unserer Gesellschaft, tragen aber gleichzeitig dazu bei dass im Internet Pornographie, die sich im Allgemeinen, unabhängig vom oben geschilderten Fall, nicht unbedingt um die Gleichbehandlung der Frau bemüht, frei zugänglich gemacht wird?

Ach ja, der Einzelne. Der Einzelne darf es Kunst nennen. Der Einzelne hat keine Verantwortung und der Einzelne kann darüber hinaus sowieso nichts ändern.
Mir ist bewusst, dass meine oben dargelegte Position wahrscheinlich nicht besonders populär ist. Das Netz schlägt sich nur allzu gern auf die Seite der Kleinen im Kampf gegen das System und ich möchte betonen, dass ich viel Mitleid mit der Autorin habe und ihr sehr wünsche, dass sie möglichst glimpflich aus der Sache rauskommt. Ich hoffe, man findet das Arschloch das sie bedroht und bestraft es empfindlich. Ich hoffe, ihr Verfahren wird wegen Geringfügigkeit eingestellt und ich hoffe, sie kommt mit einem blauen Auge aus der Sache raus. Aber ich hoffe auch, dass sie vielleicht was über die Verantwortung gelernt hat die mit dem publizieren von Inhalten einher geht, egal wo sie publiziert werden.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Kindergeburtstag aus der Hölle, Teil 2

Kunst kommt von Können

Augen auf im Straßenverkehr