Der Block - Eine Geschichte voller Missverständnisse

Die twittersche Blockkultur habe ich ehrlich gesagt nie verstanden und das, obwohl ich es jetzt schon 3 Jahre versuche. Wenn ich jemanden nicht mehr lesen will, kann ich einfach entfolgen. Worin die Notwendigkeit besteht, ihn oder sie auch noch zu blocken, damit er oder sie auch meine Tweets nicht mehr lesen darf erschließt sich mir in den meisten Fällen nicht. Warum die Blockaufrufe in letzter Zeit zunehmen ebenfalls nicht. Die Pervertierung des Begriffes "Spam" erst recht nicht. Fakt ist, eigentlich ist nur eines noch überflüssiger als der Block: Die Bitte jemand anderen zu blocken.

Ja, ich weiß, es gibt die "Aber mein Psycho-Ex"- und die "Dieser ekelhafte Stalker"-Fälle bei denen ein Block nachvollziehbar ist, aber machen wir uns nichts vor, auch hier bringt das im Grunde gar nichts. Ich bin mal testweise Gerüchten nachgegangen, nach denen man einen Twitteraccount aufrufen konnte ohne selbst eingeloggt zu sein, und tatsächlich, es geht!

An dieser Stelle möchte ich Ihren inneren Sheldon Cooper auf den Sarkasmus im letzten Satz hinweisen!
Auch die Möglichkeit, seinen Account zu schützen, birgt nur geringen Schutz vor solchen Idioten, denn ein Zweitaccount ist, ein gewisses Maß an Kreativität vorausgesetzt, schnell erstellt und vertrauenswürdig befüllt. Es gibt also kein wirksames Mittel gegen solche Typen, außer das äußerst fatalistische, Twitter nicht mehr zu benutzen. Alles andere ist Augenwischerei und kommt dem Versuch gleich, sich auf einer riesigen, frisch gemähten Wiese ohne Bäume zu verstecken.

Der Begriff "Spam" leidet ja schon seit Jahren unter einem äußerst zweifelhaften Ruhm. Er hat angefangen als Name für Dosenfleisch und, als hätte er damit nicht schon genug gelitten, wurde zum Synonym für unerwünschte Werbung jedweder Art. Der schwammige Begriff "unerwünscht" ist dabei für Menschen wie mich, Informatiker mit Schwerpunkt Internet, ein schwerwiegendes Problem, denn der Klick auf den Spam-Button wird im Grunde häufiger zweckentfremdet als seinem ursprünglichen Sinn zugeführt, ohne sich für die Folgen zu interessieren. Wenn man sich für einen Newsletter anmeldet, sollte man sich auch wieder abmelden, wenn man ihn nicht mehr bekommen möchte, und nicht den Spam-Knopf benutzen. Geht nämlich eine relevante Anzahl User diesen Spam-Weg, landen Versender völlig regulärer, selbst angeforderter(!) Werbung auf Blacklists, von denen oft nur schwer und mit viel Arbeit wieder herunterzukommen ist, aber ich schweife ab. Ich möchte jedenfalls behaupten, noch keinen Spamblock-Aufruf erlebt zu haben, bei dem es um Werbung gegangen wäre.

Das liegt vermutlich daran, dass es bei diesen Aufrufen eigentlich darum geht, jemanden von Twitter zu entfernen. Und zwar mit viel Tamtam und Brimborium. Ob das wirklich geht ist dabei vollkommen unbestätigt und hinterfragt wird dieser Umstand vermutlich auch von den wenigsten. Ich wage mal die steile These, dass es weniger auf dem Prüfstand steht, je größer der aufrufende Account ist, was dem ganzen einen unangenehmen faschistoiden Beigeschmack gibt.

Man muss bei diesen Aufrufen zwischen verschiedenen Grundsituationen unterscheiden. Es gibt da zum einen die Leute, die meinen, sie müssten die systemimmanente Anonymität ausnutzen, um andere zu beleidigen oder mit nervigen Kommentaren zu überschütten. Für zweiteres hilft ein normaler Block, wenn auch nur bedingt, denn es gibt auch hier die Möglichkeit des Zweit-, Dritt- oder Zwölftaccounts, für ersteres gibt es Möglichkeiten, auf die ich später noch zurückkomme. Was jedenfalls ganz sicher nicht hilft, ist ein Spamblock-Aufruf.

Aus rein technisch-professioneller Sicht passiert da sowieso nichts, solange nicht eine kritische Masse den Button drückt. Diese kritische Masse wird bei kleinen Accounts recht schnell, bei größeren eher langsam erreicht, es dürfte aber in den wenigsten Fällen mit ein paar Dutzend Klicks getan sein. Ist die kritische Masse erreicht, wird es eine Meldung an ein Team geben, die den entsprechenden Account prüft. Auf Spam. Den man nicht finden wird. Niemand wird sich alle Tweets durchlesen, um nach etwaigen Beleidigungen zu suchen und es wird ganz sicher kein Account ungeprüft gelöscht! Es ist sogar fraglich, ob die Prüfer immer der Sprache des Accounts mächtig sind, ich denke eher, dass in solchen Fällen nach Links oder ähnlichem gesucht wird. Der Spamblock-Aufruf bringt also

Denken Sie sich hier bitte einen Tusch!
nichts.

Sehr beliebt sind auch Spamblock-Aufrufe gegen Nazi- und Porno-Accounts. Im ersten Fall gilt das im vorigen Absatz geschriebene und es ist unbedingt zu bedenken, dass zum Beispiel die Nutzung von Hakenkreuz-Flaggen nur in Deutschland verboten ist, was einem amerikanischen Konzern wie Twitter erstmal völlig latte sein dürfte, wenn man ihn nicht explizit darauf hinweist. Im zweiten Fall könnte es sogar was bringen, denn Bilder sind eindeutig, auch wenn man der Sprache des anderen nicht mächtig ist. Allerdings ist hier das Erreichen der kritischen Masse noch fraglicher.

Für Meldungen dieser Art, nämlich Verstöße gegen geltendes Recht und/oder die AGB,

Hetze und das Verbreiten von Nazi-Symbolen sind in Deutschland ebenso ein Straftatbestand wie Beleidigung und das Veröffentlichen von Pornographie ohne Alterskontrolle, auch wenn man beides kaum glauben mag, wenn man sich mal ein paar Minuten im Internet umguckt. Zudem verstoßen beide zuletzt genannten Punkte gegen die Twitter-AGB.
bietet Twitter unter https://support.twitter.com/forms -> "Einen Verstoß melden" eine Reihe sehr hilfreicher Funkionen. Ich habe sie selbst bis jetzt zwei Mal benutzt, einmal für einen Nazi-Account, einmal für einen Account, der einen Hang zu pornographischen Bildern mit Fäkalien hatte. Ersterer war keine 24h nach der Meldung verschwunden, bei zweiterem waren die entsprechenden Bilder ebenso schnell entfernt worden.

Sie mögen das Melden von Pornoaccounts kleinlich finden, meinen Standpunkt hierzu habe ich hier schon einmal deutlich gemacht.
Der eindeutige Vorteil dieser Methode ist, dass man auf einzelne Tweets eingehen und dem Support auch erklären kann, welches Problem man mit diesem Account hat.

Worum es mir hier aber eigentlich geht ist, dass die Block-Aufrufe gegen Accounts zunehmen, die offen provokante Positionen beziehen. Hierbei wird nicht hinterfragt, ob es sich um Trolle oder Idioten handelt, es kann sich jeder eine Bühne bauen, er muss sich nur durch möglichst unpopuläre Aussagen hervortun und hier bekommt der oben schon angesprochene faschistoide Beigeschmack noch eine gehörige Prise Salz. Wenn Leute mit vielen Followern dazu aufrufen einen Account zu spamblocken, bloß weil er Aussagen tätigt, die einigen, meinetwegen auch der eindeutigen Mehrheit, nicht passen, dann empfinde ich das als äußerst fragwürdig und zudem völlig unnütz. Denn diese Accounts werden die Spamprüfung bestehen. Sie werden nicht gelöscht, denn sie verstoßen meist gegen kein Gesetz, solange es keines dagegen gibt ein Idiot zu sein.

Was hoffentlich auch nie passieren wird, denn es könnte ernsthafte Folgen für die Regierungsbildung haben!
 Als Fazit bleibt: Spamblock-Aufrufe sind in 99% der Fälle völlig unnütz. Ich kenne auch keinen einzigen, bei dem das jemals funktioniert hätte, lasse mich hier aber natürlich gern eines Besseren belehren. Abschließen möchte ich gern mit einem Zitat aus einem Twitter-Hilfedokument:

Sei kein Tyrann: Es können auf Twitter immer Menschen auftreten, die du nicht magst oder die Dinge sagen, mit denen du nicht einverstanden bist oder die du anstößig findest.
Quelle: Sicherheit: Beleidigende und drohende Nutzer

Herzlichst,
Ihr Rock Galore

Kommentare

  1. Dabei darf allerdings nicht vergessen bleiben, dass es häufig (auch) um das eigene positionieren gegenüber des, aus welchen Gründen auch immer, anzüglichen Accounts geht.
    Ich vergleiche es z.B. mit der Teilnahme an einer Gegendemi zu einer rechtsgerichteten Demo. Da sein. Position beziehen und klar machen: Ihr seid hier nicht erwünscht. Sicherlich ist es den rechten völlig Schnurz dass dort Menschen stehen, die gegen sie sind, sie werden weiter demonstrieren und ihre gequirlte Kacke weiter verbreiten wollen, aber so kann man zumindest zeigen: bei mir kommst du nicht an
    Bei Twitter erfolgt der Aufruf zum Spamblock ja auch erst mit der Mention des anderen Accounts, sodass dieser das in jeden Falle mitbekommt, dass User xy gegen seine Position Stellung bezieht.
    Was es wie in irgendeinerweise tatsächlich "bringt" bleibt, wie in dem Blogpost ja besprochen, äußerst fraglich, dennoch möchte ich niemandem einfach den Raum geben um pornographisches oder rassistisches Material unters Volk zu bringen. Ich beziehe da einfach lieber Position.


    Besten Gruß,
    Die_Mutti

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    1. Das Beziehen einer Gegenposition ist sicherlich im demokratischen Kontext extrem wichtig und ich kann das als Gegenargument prinzipiell auch durchaus zulassen.
      Was mir dabei allerdings Bauchschmerzen bereitet ist die Bühne, die man diesen Menschen bietet. Bei einer Demo ist es so, dass sich beide Parteien in etwa auf Augenhöhe begegnen, was ihre Reichweite betrifft. Ja, eine größere Gruppe kann lauter sein und somit ihren Radius vielleicht etwas erhöhen, aber das ist nur ein marginaler Unterschied.
      Bekommt ein Naziaccount mit ein paar Dutzend Followern aber mit einigen Tweets von den "richtigen" Leuten plötzlich 10.000 und mehr potentielle Leser, ohne dass es den gewünschten Beseitigungseffekt hat(!), dann geht ein solcher Schuss halt meiner Meinung nach auch mal gern nach hinten los.

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